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Buchinfo

Carlsen || Orig. Reflection || 4/aktuell 13 (Die Bände stehen aber für sich allein und lassen sich unabhängig voneinander lesen)
432 Seiten || Et.: 03.09.20 || Übersetzer: Ronald Gutberlet || 978-3-551-28048-0
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(Verlagstext)
Nachdem Captain Shang von Shan Yu im Kampf lebensgefährlich verletzt wird, muss Mulan in die Unterwelt Diyu reisen, um ihn vor dem Tod zu retten. Aber König Yama, der Herrscher der Unterwelt, gibt Shang nicht einfach frei. Mulan muss Diyu durchqueren, um Shangs Geist zu finden, und dabei grauenhafte Hindernisse überwinden. Und sie muss Diyu bei Sonnenaufgang wieder verlassen. Schafft sie das nicht, wird sie König Yamas Gefangene. Kann sie Shang retten, bevor es zu spät ist? Oder muss sie für immer in der Unterwelt bleiben?

Das Cover finde ich super, wie eigentlich alle Cover der Twisted Tales Reihe. Man sieht gleich, welcher Disneyfilm hier adaptiert wird, gleichzeitig haben wir auch schon Hinweise auf die Abweichungen und das Thema Unterwelt. Gut es sind dort eigentlich Torii abgebildet, die japanisch sind und die Geschichte spielt bekanntlich in China, aber wollen wir mal nicht so kleinlich sein. Und ich wünschte Carlsen würde diese Wachs Haptik sein lassen, die kann ich echt nicht leiden und es kleben deswegen ständig Fussel drann 😑

Von allen Disney Prinzessinnen war Mulan schon immer meine liebste. Ich besaß als Kind zwar nicht den Film, aber das dazugehörige Hörspiel habe ich rauf und runter gehört. Daher war für mich klar, dass mein erstes Twisted Tales Buch das von Mulan sein sollte. Zumal ich mit Autorin Elizabeth Lim mit “Ein Kleid aus Seide und Sternen” bereits gute Erfahrung gemacht habe.

 

Auf in die Unterwelt

Autorin Elizabeth Lim geht auf alle Fälle davon aus, dass man vor dem Lesen den Disney Film bereits gesehen hat und die Figuren gut kennt, denn sie hält sich nicht mit irgendwelchen Einleitungen oder Hintergründen auf, sondern startet direkt mit der Szene im Gebirge, als Mulan, Shang und die Soldaten auf die Hunnen treffen. Schon auf den ersten Seiten kommt es also zu dem Plottwist, durch den das Buch eine andere Wendung nimmt, als der Film, denn nicht Mulan wird von Shan-Yu verletzt, sondern General Shang.

Wir müssen als Leser*in also nicht lange warten, bis der neue Handlungsverlauf seinen Gang nimmt. Ziemlich zügig landet Mulan in der Unterwelt, doch von da an wird es nicht mehr ganz so einfach. Bevor ich das Buch las, habe ich mich Überblickhaft in die chinesische Jenseitsvorstellung eingelesen und zum größten Teil fand ich diese in diesem Buch auch gut umgesetzt. Es tauchen zahlreiche Elemente aus der Jenseitymythologie und sind für mich im Rahmen der künstlerischer Freiheit auch schlüssig in die Handlung eingewoben. Lediglich bei einer Sache macht die Autorin in meinen Augen einen Fehler. So beschreibt sie einen Himmel, in den gute Seelen kommen, sollten sie nicht wiedergeboren werden. Eine solche Vorstellung existiert jedoch weder im Buddhismus, noch im chinesischen Volksglauben. Hier wird also ein westliches Glaubensprinzip einfach einer anderen Kultur aufgedrückt. Der Sinn erschließt sich mir dabei nicht. Sicher der Himmel spielt in dem Buch keine große Rolle, aber gerade deswegen ist es doch völlig überflüssig christliche Glaubensvorstellungen einflechten zu müssen.

 

Alte Bekannte und neue Figuren

Ansonsten will ich zur Handlung gar nicht viel mehr sagen. Sie ist im Großen und Ganzen rund und unterhaltsam und wartet, wie gesagt mit einigen schönen Einflechtungen aus der chinesischen Mythologie auf. Stattdessen möchte ich über die Charaktere sprechen. Die verzwickte Sache bei einer Adaption einer Geschichte von einem, ins andere Medium ist nun mal, dass die Fans bereits eine recht genaue Vorstellungen haben, wie die Figuren zu sein haben, wie sie sich verhalten, wie sie reden und denken. Das schlüssig umzusetzen, sodass trotz Abweichungen in der Handlung Buch und Film eine Einheit bilden ist nicht einfach und gelingt in meinen Augen auch Elizabeth Lim nur bedingt.
Vielfach wurde ja schon kritisiert, das Mushu in den Roman kaum vorkommt. Das ist tatsächlich ein Aspekt, der mich nicht gestört hat, denn Eddie Murphy oder auch Ottos Interpretation von Mushu in Buchform zu zwängen, wäre sowieso in die Hose gegangen und mit ShiShi führt die Autorin für mich einen guten und lustigen Ersatz ein.

Nein was mich mehr gestört hat, war Mulan selbst. Im Film ist sie entschlossen, mutig, zielstrebig. Sie hat zwar hin und wieder ihre Zweifel, doch lässt sie sich davon nicht unterkriegen. Im Buch fand ich Mulan leider deutlich schwächer, sie wirkt oft unentschlossen und auch blass. Weniger handelnd und mehr von den äußeren Einflüssen bestimmt, als durch das eigene Tun.
Shang hingegen ist ganz gut getroffen und auch die Beziehung zwischen den Beiden bekommt hier mehr Raum. Sie bleibt zwar was die Tiefgründigkeit angeht auf Jugendbuch Niveau, wird aber dadurch, dass ihr im Gegensatz zum Film mehr Zeit für die Entwicklung eingeräumt wird, wenigstens etwas nahbarer und authentischer, das hat mir gut gefallen.

Das Buch ist unterhaltsam, keine Frage, aber ich denke es hätte besser funktioniert, wenn es nicht Mulan hätte sein sollen, denn im Verhalten und in der Art unterscheiden sich Buch-Mulan und Film-Mulan doch deutlich, wodurch Film und Buch nicht so recht zusammenpassen wollen. Betrachtet man es aber losgelöst vom Original erwarten einen ein paar spaßige Lesestunden.