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Buchinfo

Loewe || Orig. Flat-Out Love || Einzelband || 384 Seiten
Et.: 21.07.14 || Übersetzerin: Bea Reiter || 978-3-7855-7867-4
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Hinweis: Die Print Ausgabe ist nur noch gebraucht erhältlich

(Verlagstext)
Julie kann es nicht fassen: Statt die ersten Tage am College zu genießen, beaufsichtigt sie plötzlich eine 13-Jährige, die keinen Schritt ohne die lebensgroße Pappfigur ihres Bruders Finn unternimmt. Zugegeben, ihres sehr gut aussehenden Bruders Finn. Der befindet sich zwar gerade auf Weltreise, schreibt aber E-Mails, die Julies Knie butterweich werden lassen. Doch wieso zögert er seine Rückkehr immer weiter hinaus? Weshalb stört sich niemand an seinem platt gedrückten Doppelgänger? Und verliebt Julie sich tatsächlich gerade in eine Pappfigur?

Unentschieden. Sie hauen mich zwar Beide nicht um, aber ich habe auch nichts auszusetzten. Beide betonen die Typografie auf ihrem Cover und bei Beiden passt die jeweilige Gestaltung ganz gut zum Stil dieses Buches.

(Achtung: Dies ist eine Rezension zu einem Buch, das mit der Goldenen Dolores ausgezeichnet wurde. Die goldene Dolores, benannt nach dem wohl unaustehlichsten Charakter im Buchuniversum, Dolores Umbridge, ist ein von mir verliehener Preis an ganz besondere Bücher. Nämlich an die Nervigen und Abstrusen, die voller Kitsch und/oder Logikfehler. Die bei denen man die Protagonisten anschreien möchte und bei denen man eine rote Stirn von den vielen Facepalms bekommt, kurzum solche Bücher, bei denen sich die Nägel hochrollen. Dementsprechend werden sie von mir mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Ironie rezensiert. (Mehr Infos zur Goldenen Dolores findet ihr hier)

Ich dachte mir, mit diesem Buch kann ich nichts falsch machen. Soviel sprach dafür: Der Klapptext klang amüsant und vielversprechend, die Bewertungen (sowohl auf Amazon, als auch bei Lovelybooks) waren überaus und umfassend positiv und noch wichtiger: Niemand wollte dieses Buch zum Tauschen rausrücken. „Dieses Buch wird dir bestimmt gefallen“, dachte ich mir. Tja, und dann kam Julie ….
 

Oh Julie

Oh Julie. Unsere wunderbare, hochgeschätzte Protagonistin, oder wie ich sie bezeichne: Die arroganteste, heuchlerischste und aufdringlichste Trulla, dass mir je in der Bücherwelt untergekommen ist!
Das fing schon in den ersten zwei Kapiteln an, wo Julie von ihren alten Freunden und ihrer ehemaligen Highschool erzählt und betont wie unglaublich dämlich und hinterblieben die doch alle waren. Und der Unterricht war ja auch unglaublich langweilig und viel zu unanspruchsvoll für unsere Super Akademikerin Julie. Sie behauptet sogar wortwörtlich, dass sie nun endlich nicht mehr ihr Vokabular an das niedrige Niveau der Anderen anpassen müsste. Diese Arroganz!!! Abartig! Dabei spricht sie wie jeder andere Jugendliche auch, ihre Sprache ist genauso, wie von jeder anderen beliebigen Jugendbuchheldin. Und das Beste ist, sie hält sich für die super Intelligente, aber als Roger von seiner Forschung erzählt versteht sie nur Bahnhof. Dabei sagt Roger ziemlich deutlich was er macht, er untersucht das Immunsystem von Garnelen um in der Zucht künftig weniger Antibiotika einsetzen zu müssen. So schwer zu verstehen ist das nicht, oder?
 
Punkt zwei: Heuchlerisch. Julie wird es ja nicht müde zu betonen wie dumm und oberflächlich ihre „Freunde“ von früher waren, aber selbst ist sie kein Deut besser. Sie steckt jeden den sie sieht sofort in Schubladen und kritisiert alles Äußere. Ein paar Mädels, von denen sie nur die Aufnahme auf dem Anrufbeantworter gehört hat, sind für sie gleich dumme nervtötende Tussis und jeden, wirklich jeden verdammten Tag, macht sie Matt dumm an, weil er T-Shirts mit Sprüchen trägt, die ihrer Meinung nach, total dämlich sind.
Allgemein ist sie ziemlich gemein zu Matt, der immer höflich und nett zu ihr ist. Doch Julie hat nicht besseres zu tun als konsequent seinen Kleidungs- und Lebensstil zu kritisieren und zu verhöhnen. Sie sagt z.B. (wieder wortwörtlich) wie unnormal es ist, dass Matt nie abends außer Haus geht, aber selbst will sie ihn auch nicht zur Party einladen, er könnte ja zu irgendeinem nerdigen Buchstabierwettbewerb gehen, denkt sie sich (ja das steht genau so in dem Buch!)
 
Selbst über Celeste, der sie ja angeblich unbedingt helfen möchte denkt sie:

„Dieses Kind fiel aus lauter falschen Gründen auf. Ob es einem nun passte oder nicht, andere Kinder achteten darauf, wie man aussah, und Celeste sah … falsch aus.“
Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte, Jessica Park, Loewe Verlag S. 76.

 

Und Punkt drei: Die Aufdringlichkeit. Führen wir uns folgende Situation vor Augen: Julie zieht als GAST bei der Familie Watkins ein. Die Familie bewahrt sie vor der Obdachlosigkeit und ist stets freundlich und nett zu Julie. Und Julie beschließt vom ersten Tag an, dass sich diese Familie ändern muss. Celeste ist nicht normal und es ist natürlich Julie, die das arme Mädchen erretten muss. Was maßt sich dieses Mädel an? 
Nach drei Monaten mit dem Mädchen zusammen weiß Julie natürlich am besten was für Celeste gut ist. Sie weiß es besser als ihre Eltern, als ihr Bruder Matt und besser als Celeste selbst sowieso. Immerhin hat Julie ja schon ein halbes Semester „Einführung in die Psychologie“ absolviert. Daher weiß Super Julie ganz genau, wie sich Celeste zu verhalten hat und wie sie auszusehen hat, um normal zu sein. Scheiß drauf, dass selbst ihr Psychologieprofessor ihr rät sich rauszuhalten oder das Matt verständlicherweise sagt sie soll sich nicht einmischen, als durch Julies Schuld Celeste einen Nervenzusammenbruch bekommt. Julie weiß es besser und am Ende ist sie ja auch die strahlende Retterin der Familie. Hurra.
 
Ich finde einfach keine Worte wie nervtötend, abartig, arrogant und unausstehlich ich Julie fand. Und das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass sie von der Autorin im Buch absolut glorifiziert wird. Es kommt keine Einsicht ihre Fehler, keine Erkenntnis. Julie ist die Heldin, die im Alleingang eine kaputte Familie gerettet hat. Der Messias der Watkins, die Erlöserin, gesegnet sei ihr Name.
 
 

Das große Geheimnis, das keins ist

Weiter im Text, denn die Protagonistin ist nicht der einzige Grund für meine Fassungslosigkeit über den Erfolg dieses Buches. Nein wir hätten da ja noch den Plot. Mir gefällt ja die Inhaltsangabe der Originalausgabe:

„Not until she forces a buried secret to the surface, eliciting a dramatic confrontation that threatens to tear the fragile Watkins family apart”

 
Hach, das ist so schön reißerisch, nicht wahr? Wie eine Titelseite der Bild. Blöd nur, wenn man als Leser dieses dramatische Familiengeheimnis bereits nach den ersten 4 Kapiteln raus hat. Als ich die ersten 100 Seiten durch hatte erklärte ich am Frühstückstisch Mr. Pageturner haarklein, wie das Buch meiner Vermutung nach enden würde und genau so ist es auch gekommen. Spannungsfaktor: Umgefallener Sack Reis.
 
 

Pseudowitze

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug. Ist auch der Schreibstil eine ermüdende Abfolge von pseudowitzigen Dialogen, die alle gezwungen intelligent lustig sein sollen, es aber nur in den seltensten Fällen sind. Am besten ist da noch Celeste mit ihrer Vorliebe für den übermäßigen Gebrauch von Adjektive, was natürlich auch von Julie sofort unterbunden wird, ist ja nicht normal sowas. Alles wirkt übertrieben gezwungen und konstruiert. Noch dazu könnte man rein sprachlich nicht unterscheiden, ob gerade Julie, Matt, Seth oder Finn redet, da sie alle auf dieselbe Art und Weise diesen Pseudo Witz benutzen. Auch die Facebook Post die bei fast jedem Kapitel zum Anfang stehen wirken unecht und möchtegern lustig.

Das alles ist ziemlich schade, denn die Grundidee und das Familienportrait das hier gezeichnet wird, die Auswirkungen von Trauer und Verlust sind eigentlich sehr gut und eindringlich geschildert. Mit einer anderen Umsetzung, wäre diese Idee ein tolles, eindringliches Buch geworden. So ist es leider nur eine grottenschlechte Umsetzung eines emotionalen und interessanten Stoffs.

 

Die Thematik ist interessant und eindringlich und definitiv etwas Besseres verdient, denn leider ist die Umsetzung dank einer abartigen Protagonistin, einer vorhersehbaren Handlung und einer gezwungenen Sprache einfach nur fürchterlich.

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