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Huhu ihr Lieben,
es ist ja schon eine Weile her, dass ich zum letzten mal ein Classic Time gepostet habe und das, obwohl ich dieses Jahr schon fünf gelesen habe, Schande über mich. Doch zurück zum Thema. Heute geht es um das zauberhafteste Kindermädchen der Welt:

Worum, geht’s?

Auch wenn die Meisten von euch dies wahrscheinlich schon wissen, möchte ich es trotzdem nochmal zusammenfassen. Es geht um die Familie Banks, bestehend aus dem Bankangestellten Mr. Banks, dessen Frau Mrs. Banks und deren vier Kinder: Jane, Michael und die Zwillinge im Babyalter John und Barbara. Als das letzte Kindermädchen ohne Kündigung einfach nicht mehr auftaucht, suchen Mr. und Mrs. Banks händeringend nach einem Ersatz. Zu ihrer Überraschung meldet sich eine Frau namens Mary Poppins und Jane und Michael haben ganz genau gesehen, wie diese mit ihrem Schirm angeflogen kam! Schnell stell sich heraus, Mary Poppins ist alles andere, als eine gewöhnliche Nanny und mit ihr zusammen erleben die Kinder eine Menge Abenteuer.

Mary Poppins, der Film, das Buch und ich.

Als ich die Rubrik Classic Time ins Leben rief, sagte ich, ich werde keine Klassiker vorstellen, die mir nicht auch gefallen haben und bisher hatte ich mit diesem Vorsatz auch keine Probleme, denn die Klassiker, die ich freiwillig las, haben mir bisher immer gut gefallen und unliebsame Schullektüre stelle ich einfach nicht vor. Marry Poppins brachte mich nun erstmals in die Bredouille. Denn ich fand den Kinderbuchklassiker tatsächlich nach dem Lesen bestenfalls ok. Sprechen möchte ich trotzdem darüber und hier erfahrt ihr auch das warum, weshalb wieso.

Wie Tag und Nacht: Die Unterschiede von Film und Buch

Bevor ich zu diesem Buch griff, kannte ich, wie so viele, nur die Disney Verfilmung von Mary Poppins und auch wenn mir klar war, dass Verfilmungen häufig vom Buch abweichen und ich auch da schon wusste, dass die Autorin den Film verabscheute, da er ihr zu “süßlich” war, bereitetete dies mich nicht darauf vor, was mich im Buch erwarten würde. Eine so gravierend andere Grundstimmung hatte ich nicht erwartet.


Als Erstes ist zu nennen, dass das Buch mehr einer Kurzgeschichtensammlung gleicht. Die Eltern der Kinder sind nur Randfiguren, die ganze Geschichte um die Bank und die Rettung des Familienverhältnisses, sind Produkte des Films. Zudem spielt das Buch in seiner Entstehungszeit in den 1930er und nicht, wie der Film 1910. Auch Schornsteinfeger Bert ist eher eine Nebenfigur. Das sind alles Punkte, die mich nicht gestört haben, sondern die ich als “Normale Film/Buch Unterschiede wertete, die hier aber Erwähnung finden sollte. Was mich jedoch störte, war die grundlegende andere Darstellung von Mary Poppins. Vom Film her kannten wir sie als ein strenges, aber auch liebenswertes und lustiges Kindermädchen, die zwar Disziplin verlangte, den Kindern aber auch viel Herzenswärme entgegenbrachte. Die originale Mary Poppins ist, nun… anders.
Ihr vorherrschende Charaktereigenschaften sind ehrlich gesagt Eitelkeit und Selbstverliebtheit. In den Büchern trägt Mary ihre Nase stets empor gereckt und kann an keiner spiegelnden Oberfläche vorbeigehen, ohne sich selbst zu bewundern.
Auch zu den Kindern ist Mary weitaus weniger liebevoll, als ihre Filmadaption. Sie ist zu ihnen eher unterkühlt, häufig sogar schnippisch und behandelt sie  von oben herab. Ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, dass sie mir sympathisch war.

Magische Abenteuer

Doch natürlich war nicht alles schlecht an der Originalfassung, denn auch wenn mich Mary Poppins Charakter ernüchtern ließ, ihre Zaubereien und magischen Tricks sind dafür in dem Buch ebenso wunderbar, wie im Film. Am liebsten mochte ich das Kapitel im Zoo, als alle Zootiere für Mary ein Fest ausrichten, das Märchen der tanzenden Kuh und natürlich den Klassiker, der es auch in den Film geschafft hatte: Der Besuch bei Onkel Albert, der an der Zimmerdecke endet.
Diese magischen Abenteuer waren durchweg sehr unterhaltsam und machten Spaß zu lesen.

Das rassistische sechste Kapitel

Ein Kapitel jedoch machte weniger Spaß, und zwar das Sechste: Ein schlimmer Dienstag. In diesem hat Michael einen bockigen Tag und Mary Poppins erteilt ihm daraufhin eine magische Lektion. Mit einem magischen Kompass reist sie zusammen mit den Kindern, in verschiedene Regionen der Welt, indem sie laut eine Himmelsrichtung ausruft. Zuerst Nord, wo sie auf zwei Inuit treffen, dann Süd mit zwei Schwarzen, Ost mit einem Mann im Kimono und West zu mehreren Native Americans.

In dem Buch fallen als Beschreibung das N-Wort, sowie Eskimo und Indianer, die heute ebenfalls als rassistisch gewertet werden. Das kann man ja noch im Hinblick auf die Zeit, in der das Buch entstanden ist nachvollziehen (aber nicht aus heutiger Sicht akzeptieren!), viel schlimmer ist jedoch, wie diese Menschen dargestellt werden. Die Inuit, Schwarzen und Native Americans werden überdeutlich als primitiv und unzivilisiert dargestellt, so kriecht z.B. der Inuit “aus einem Loch” [sic!] die Schwarzen, sind halbnackt und sprechen grammatikalisch falsch und bei den Native Americans will Michael bei einem Wettrennen “sich auf keinen Fall von so einem Indianerjungen schlagen lassen”. Der Chinese hingegen wird als unterwürfig dargestellt.

In allen Beschreibungen werden Klischees bis auf Äußerste ausgereizt und es findet sich überdeutlich eine überlegende weiße Position wieder, die auf die angeblich “Primitiven” herabblickt. Und es kommt sogar noch schlimmer. Später am Tag benutzt Michael nämlich heimlich allein den Kompass, woraufhin ein Inuk mit einem Speer, die Schwaze Frau mit einer “riesigen Keule” [sic!], der Chinese mit einem Krummschwert und “der rote Indianer” [sic!] mit einem Tomahawk erscheinen und Michael bedrohen.
Hier wird also Fremdheit gezielt zur Erzeugung von Angst benutzt, eine schlechtere Aussage in einem Kinderbuch, kann es kaum geben. Meiner Meinung nach sollten in neuen Auflagen, oder zumindest in solchen, die zum Vorlesen für Kinder gedacht sind, dieses Kapitel komplett gestrichen werden. Es ist so von Rassismus durchzogen, dass einzelne Abänderungen da auch nichts bringen und hat damit weder Unterhaltungs- noch einen Mehrwert, weswegen es komplett gestrichen werden sollte.

Um wieder zurück auf Mary Poppins und ich zu kommen, letztendlich muss ich ehrlicherweise sagen: man kann Mary Poppins lesen, muss es aber nicht und ich persönlich mag die nettere Mary Poppins von Disney lieber. Ich will natürlich niemand den Spaß an diesem Kindermädchen verderben und wer es lesen will, oder seinen Kindern vorlesen möchte, kann dies natürlich gerne und mit Freuden tun. Im letzteren Fall bitte ich lediglich das sechste Kapitel zu reflektieren und den Kindern zu vermitteln, das die dort dargestellte Weltsicht nicht ok ist.

Zur Autorin P.L. Travers

Pamela Lynwood Travers, geboren am  9. August 1899 in Maryborough, Queensland, hieß eigentlich Helen Lynwood Goff und war die älteste von drei Geschwistern. Ihr Vater Travers Goff war ein Büroangestellter aus London, der nach Australien ausgewandert war. Sie wuchs zunächst in guten Verhältnissen auf und interessierte sich bereits früh für Literatur, insbesondere Mythen, Märchen und Legenden.

Im Alter von 25 reiste sie nach England und versuchte sich als  Schauspielerin. Als Künstlernamen wählte sie Pamela Lynwood und als Nachname den Vornamen ihres verstorbenen Vaters: Travers.
In London lebte sie mehr als 10 Jahre mit ihrer Freundin Madge Burnand, der Tochter von Sir Francis Burnand, Dramatiker und Ex-Herausgeber des Magazins Punch zusammen, mit der sie vermutliche auch eine intime Beziehung hatte.

Zunächst schrieb Travers einige Gedichte und sandte sie an den Herausgeber George William, dieser war so begeistert von diesen, dass er Travers fortan sowohl finanziell, als auch beratend unterstütze. 1934 veröffentlichte sie mit dem Reisebericht Moscow Excursion, ihr erstes Buch.Im selbenJahr erblickte auch Mary Poppins das Licht der Bücherwelt. Anfang der 1930er hatte Travers mit einem Lungenleiden zu kämpfen, in der Zeit, in der sie sich erholte, erfand sie das magische Kindermädchen. Auch wenn die Bücher heute allgemein als Kinderbücher angesehen werden, sagte sie selbst über ihre Bücher: “Ich habe nie für Kinder geschrieben.” Vielmehr bestand sie darauf, Kinder “seien so freundlich gewesen, zu lesen, was ich schrieb“.
Das Buch wurde sofort ein voller Erfolg und 1935 und 1943 erschienen zwei weitere Bände: Mary Poppins Comes Back (dt. Mary Poppins kommt wieder) und Mary Poppins Opens the Door (dt. Mary Poppins öffnet die Tür. Damit wollte die Autorin die Reihe eigentlich beendet, ließ sich jedoch von den Rufen nach weiteren Mary Poppins Büchern erweichen und schrieb noch:  Mary Poppins in the Park (1952) (dt. Mary Poppins im Park), Mary Poppins From A to Z (1963) (dt. Mary Poppins von A bis Z) Mary Poppins in the Kitchen (1975), Mary Poppins in Cherry Tree Lane (1982) undMary Poppins and the House Next Door (1988).

Neben den Mary Poppins Büchern schrieb Travers auch noch weitere Werke und verfasste Artikel für die Zeitschrift Parabola, a Magazine of Myth and Tradition, die sie zusammen mit einem Freund gründete, um Mythen und alte spirituelle Traditionen zu erforschen. Viele ihrer Essays, Interviews und Gedichte sind in dem Buch mit dem Titel What the Bee Knows: Reflections on Myth, Symbol and Story zusammengefasst, das 1989 veröffentlicht wurde.

1977 wurde Travers für ihr literarisches Werk 1977 wurde sie zum Officer of the Order of the British Empire ernannt. Mit zunehmendem Alter zog Travers sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Am 23.04.1996 starb sie im Alter von 96 Jahren an einem epileptischen Anfall.

Travers und Disney

Dass Travers eine schwierige Beziehung zu Disneys Verfilmung ihrer Mary Poppins hatte, ist nicht erst seit dem 2013 erschienenen Film Saving Mr. Banks bekannt. Nachdem Disneys Töchter das magische Kindermädchen unbedingt auf Leinwand sehen wollten, hat dieser fast 20 Jahre vergeblich versucht Travers die Filmrechte abzukaufen, doch diese weigerte sich vehement. Für sie waren Disneys bisherige Filme zu sentimental und sie verabscheute Zeichentrick. Nachdem die Autorin jedoch in finanziellen Schwierigkeiten geriet, stimmte sie 1961 doch Verhandlungen zu, unter der Bedingung, dass alle Gespräche per Tonband aufgenommen werden und sie am Film mitwirken kann.

So reiste Travers nach L.A. es zeigte sich jedoch schnell, dass sie und Disney sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem Film hatten und es kam zu zahlreichen Streitpunkten u.a. wollte sie Dick Van Dyke nicht im Film haben, mochte die zahlreichen Musicaleinlagen nicht, sträubte sich gegen eine romantische Beziehung zwischen Mary Poppins und Bert und wehrte sie sich so vehement gegen Animationen im Film, dass man ihr versicherte, es würde keine geben.

Den fertigen Film sah Travers erst auf der Premiere, auf der sie aufgrund der frostig gewordenen Beziehung zu Disney zunächst nicht mal von diesem eingeladen wurde (eine peinlich berührte Angestellte schicke ihr dann doch eine Einladung zu). Der Film enttäuschte die Autorin maßlos, sie fand ihn zu süßlich, Mary Poppins zu verharmlost und die, gegen ihre Zustimmung, hinzugefügten Trickelemente grauenvoll. Sie fühlte sich verraten und untersagte es Disney trotz inständigem Bitten des Studiobosses, ein «Mary Poppins»-Sequel zu drehen. Noch dazu verfügte sie, dass niemand von der Filmproduktion an der Musicalaufführung von Mary Poppins mitwirken dürfe, insbesondere nicht die Sherman-Brüder, die die Filmmusik komponiert hatten. Mit Hauptdarstellerin Julie Andrews konnte sich Travers hingegen nach einem Telefongespräch versöhnen.

Mary Poppins around the World

Selbstverständlich wurde die Geschichte des magischen Kindermädchens in etliche Sprachen übersetzt. Die meisten Ausgaben nutzen das allseits bekannte Bild der mit ihrem Schirm fliegenden Mary Poppins. Viele auch die Originalillustration von Mary Shepard, wie z.B das Arabische (Weitere Cover die nur die Shepard Illustration verwenden, habe ich jetzt mal nicht mit aufgeführt, um euch mehr Abwechslung zu bieten) Hier habe ich für euch ein paar der schönsten, lustigsten oder skurrilsten Cover zusammengestellt.

 

(Wenn ihr mit der Maus über einem Bild stehen bleibt, erfahrt ihr das Herkunftsland bez. die Sprache wenn ich das Land nicht genau bestimmen konnte)

 
 
Ich finde tatsächlich so gut wie alle toll. Klar das Motiv ist meist dasselbe, aber oft wunderschön in einem induviduellen Stil eines Künstler*in gestaltet wie beim zweiten USA oder dem zweiten italienischem. Das finnische bringt mich einfach nur zum schmunzeln, herrlich. das ist glaub ich mein Liebling. Beim Spanischen finde ich es schön, dass dort mal eine andere Szene aus dem Buch, als Marys Ankkunft gezeigt wird. Sehr künstlerisch finde ich hingegen die Cover von Litauen, Estland, sowie dem 2. und 4. Russischen. Die sehen fast schon wie Drucke aus dem Jugendstil aus. Das thailändische Cover hat auch was, wie ich finde.

 

Das war’s von mir. Dafür das ich das Buch “nur” ganz ok fand, ist dies einer der längsten Classic Time überhaupt geworden xD Ich hoffe, es hat euch trotzdem gefallen.